Kunst-Spuk im verwunschenen Schloss

Quelle: "Neue Presse" Hannover Nr. 147 - 27.6.2003

„Ausflug aufs Land" - ein reizvoller Kunst-Spuk der hannoverschen Galerie Sandmann und Haak in einem Wasserschloss in Sachsen-Anhalt

VON SIEGFRIED BARTH

ANGERN. Ein wild umwachsener Wassergraben umgibt das 1740 erbaute Barockschloss, dessen heutigen Zustand man wohl als verwunschen bezeichnen darf. Nicht mehr lange, denn Alexander Graf von der Schulenburg hat bereits begonnen, aus dem alten Familiensitz wieder ein restauriertes Schmuckstück für die Altmark in Sachsen-Anhalt zu machen. Die derzeitige Kunstausstellung "Ausflug aufs Land", eingerichtet von den hannoverschen Galeristinnen Ursula Sandmann und Christiane Rischbieter; findet also auf einer reizvollen Baustelle statt.

Nach der Wende hat der Graf das 1945 enteignete Schloss zurückgekauft - in erbärmlichem Zustand. Nun hat der adelige Softwarespezialist einen Batzen Hardware am Hals: die Restaurierung wird etliche Jahre dauern und sehr teuer, also packen Graf Alexander und Gräfin Petra beim Streichen der Wände und Schleifen der Parkettböden auch selber mit an.

Für die Macherinnen der Galerie Sandmann und Haak ein idealer Ort. Seit sie ihre hannoverschen Häuser (erst im Kubus, dann in Kleefeld) aufgegeben haben, arbeiten sie mobil, wie sie es auch in Hannover schon taten (Kunst im Penny Markt, im Gehry Tower). Das Wasserschloss ist ihr bisher stärkstes Ambiente und toppt sogar den Gehry Tower, denn die Künstler, die sie aufgeboten haben, passen sich dem spukhaft verwunschenen Ort auf originelle Weise an.

Morbider Charme

Im Garten hinter dem Schloss, wo ein Vernissagenpicknick als großer Ossi-Wessi-Treff gefeiert wurde, hängen rostigrote „Archaische Gehänge", Monumentalskulpturen von Georg Marcks. Drinnen zeigt er sonderbare Ritterfiguren, genagelt aus pfandpflichtigem Dosenblech. Interieurfotos von Anja Teske spielen ausgiebig mit dem morbiden Charme der Verfallenheit, den das Schloss gerade zu verlieren droht.

Susanne Maaß hat ein Gemach des Schlosses in vitalem Rot ausgestattet und rote Objekte auch gleich im ganzen Dörfchen Angern (etwa 30 Kilometer nördlich von Magdeburg) verteilt.

Zwei Räume von Rüdiger Giebler präsentieren eine elementar-expressive Malerei, und Moritz Götze setzt einen ironischen Scherz drauf: ein komplettes Jagdzimmer mit echtem Holz-Hochsitz, in dem man auf 103 Blech-Hirsche schießen kann. Das große Fenster zum Park bleibt immer geöffnet für den Fall, dass draußen mal ein richtiger Hirsch vorbeikommt.

Galeristin Ursula Sandmann hält die mobile Arbeitsweise ihrer Galerie für produktiver als die stationäre, was diese Schloss-Präsentation schlüssig bestätigt. Als Nächstes haben sie Magdeburg (mit Moritz Götze) im Visier. Und auf längere Sicht erscheint „auch Hannover nicht ganz ausgeschlossen".

Bis 3. August sonntags 11 bis 18 Uhr. Angern ist von Hannover in eineinhalb Autostunden erreichbar: Ab Magdeburg B 184 Richtung Stendal, in Cofbitz (Ampel) rechts abbiegen. Das Schloss liegt in Angern gegenüber der Kirche.

SCHARFE SCHLOSSKUNST: Künstler Moritz Götze und Sohn Albert (8) schießen Hirsche. Gräfin und Graf von der Schulenburg, Künstler Georg Marcks, Galeristinnen Ursula Sandmann, Christiane Rischbieter (von links, kleines Bild) feiern die gelungene Ausstellung. Fotos: Barth