Topographie des Krieges. Unter den militärisch-technischen Beständen in Christoph Daniel von der Schulenburgs Bibliothek nehmen Kartenwerke und Schlachtenpläne eine besondere Stellung ein.
Sie bilden nicht nur das visuelle Gegenstück zu Feldzugsberichten und Kriegsbiographien, sondern fungieren auch als strategische Werkzeuge – in einer Zeit, in der Topographie und Geländeverständnis zu den entscheidenden Faktoren militärischer Planung gehörten. Ihre Präsenz in Schulenburgs Sammlung unterstreicht seine professionelle Prägung als General, aber auch sein intellektuelles Interesse an Raum, Bewegung und der Kartographierung von Macht.
Planung und Rückblick: die „Plane der Schlachten und Treffen“
Ein besonders wertvolles Werk dieser Gattung war der Band mit den „Plänen der Schlachten und Treffen“, der vermutlich Kartenmaterial bedeutender Gefechte Europas vereinte. Solche Werke waren im 18. Jahrhundert weit verbreitet, um Offizieren das Studium klassischer Feldzüge zu ermöglichen. Sie visualisierten die Stellung der Truppen, Marschrouten, Engpässe, Höhenlinien und Angriffsrichtungen – also genau jene Elemente, die für einen erfahrenen Feldherrn wie Schulenburg zur taktischen Analyse unerlässlich waren. Diese Karten dienten zugleich der Didaktik militärischer Praxis wie der Erinnerungskultur – sie machten Schlachten nacherlebbar und überprüfbar.
Städte, Festungen und strategische Räume
Ein weiteres Werk, das dem kartographischen Genre zuzuordnen ist, trägt den Titel Piante delle città, piazze, e castelli. Dabei handelt es sich um einen historischen Stadtatlas mit Abbildungen italienischer Festungen, Burgen und Städte. In Schulenburgs Fall ist die Relevanz doppelt gegeben: Zum einen war er im Zuge der Italienfeldzüge militärisch in der Region aktiv, zum anderen war das Verständnis urbaner Verteidigungsarchitektur essenziell für Belagerungen und diplomatische Einschätzungen territorialer Machtverhältnisse. Der Besitz solcher Werke zeigt: Raumwissen war Herrschaftswissen.
Karten als politische Instrumente
Im Zeitalter der Kabinettskriege gewannen Karten nicht nur für das Militär, sondern auch für Diplomaten und Hofbeamte zentrale Bedeutung. Sie machten Anspruchsgebiete, Grenzverläufe und Einflusszonen sichtbar und wurden in Friedensverhandlungen regelmäßig konsultiert. Für Schulenburg, der als Gesandter unter anderem an der polnischen Königswahl beteiligt war, dürften solche Werke praktische Bedeutung gehabt haben – etwa zur Bewertung strategischer Lagen oder zur Einschätzung fremder Machtinteressen.
Wissen im Wandel: Karten als Ausdruck von Moderne
Die Aufnahme kartographischer Werke in die Privatbibliothek ist auch als Ausdruck eines neuen, empirisch-rationalen Weltzugangs zu deuten. Karten versinnbildlichen die Idee, dass Wissen objektivierbar, vermessbar und planbar ist. In Schulenburgs Bibliothek fungieren sie damit nicht nur als militärisches Hilfsmittel, sondern auch als Symbol eines aufklärerischen Denkens – einer Welt, die Ordnung in Raum und Zeit bringt, um daraus Handlungssicherheit zu gewinnen.
Fazit
Kartenwerke und Schlachtenpläne bildeten in Schulenburgs Sammlung eine Brücke zwischen Theorie und Praxis, Strategie und Anschauung. Sie machten das Kriegsgeschehen nicht nur nachvollziehbar, sondern auch kalkulierbar. Für den General, der über Jahrzehnte an Feldzügen in Italien, Ungarn und am Rhein beteiligt war, waren sie Teil der täglichen Planung, der Rückschau und der Vorbereitung. Ihre Präsenz in der Bibliothek belegt ein tiefes Raumverständnis – militärisch, politisch und epistemologisch.