Lektüren protestantischer Selbstdeutung. Die Bibliothek Christoph Daniel von der Schulenburgs war nicht nur Ort weltlicher Bildung und strategischer Orientierung, sondern auch Ausdruck einer gelebten protestantischen Frömmigkeitskultur.
In der lutherischen Welt des 18. Jahrhunderts waren Religion, Moral und Standesethos eng miteinander verbunden – besonders im preußisch-brandenburgischen Adel, der sich als weltliche Stütze und geistliche Verantwortungselite verstand. Die Sammlung religiöser Literatur in Schulenburgs Bibliothek ist zwar quantitativ überschaubar, aber in ihrer sozialen und kulturellen Funktion von großer Bedeutung.
Leichenpredigten als Frömmigkeitstexte
Die große Zahl an Leichenpredigten – etwa für Familienangehörige der Häuser Schulenburg, Alvensleben und Veltheim – erfüllt mehrere Funktionen: Sie dienen als biographisches Zeugnis, als genealogisches Dokument, aber auch als religiös-moralische Mahnung. Die Predigten sind meist biblisch fundiert und betonen Tugenden wie Gottesfurcht, Pflichterfüllung, Demut und Standhaftigkeit im Glauben. Sie spiegeln eine Welt, in der Lebensführung und Tod religiös gerahmt wurden – und in der der Adel sich auch in der Frömmigkeit als Vorbild verstand.
Die politische Theologie des 17. Jahrhunderts
In der Sammlung findet sich mit dem Testament Politique des Herzogs von Lothringen (1697) ein Werk, das zwar primär staatsphilosophisch ist, aber stark durch eine christliche Deutungsstruktur geprägt wird. Es betont die Gottesverantwortung monarchischer Herrschaft, die Pflicht zum Frieden, aber auch zur Verteidigung des Glaubens. Für Schulenburg, der als Gesandter und Militär im Dienste konfessionell geprägter Mächte stand, dürfte dieses Werk auch ein Leitbild für politisch-religiöse Ordnung gewesen sein.
Biblische Figuren in moralischer Deutung
In einer Leichenpredigt über den „Erzbischof von Magdeburg Theodirirus (?)“ oder einer Predigt für die Fräulein Louise Sophie von Veltheim († 1743) werden biblische und christlich-humanistische Ideale mit dem Leben der Verstorbenen verbunden – ein rhetorischer Zugriff, der für den barocken Protestantismus typisch war. Das Lesen solcher Texte bedeutete zugleich die Verinnerlichung konfessioneller Werte – ein stiller, aber zentraler Bestandteil adliger Identitätsbildung.
Frömmigkeit als soziale Ordnung
In einer Welt ohne säkulare Verfassung war Religion nicht Privatsache, sondern Teil der öffentlichen Ordnung. Der Besitz religiöser Literatur belegt, dass Schulenburgs Bibliothek auch ein Ort der inneren Ordnung war. In Predigten, Testamenten und ethisch gefärbten Briefen artikuliert sich eine protestantische Haltung, die das persönliche Handeln mit göttlicher Ordnung und sozialer Verantwortung verknüpft.
Fazit
Die religiösen und geistlichen Texte in Schulenburgs Bibliothek belegen, dass Frömmigkeit im 18. Jahrhundert mehr war als Ritual: Sie war ein Kulturrahmen, in dem sich Leben, Tod, Ehre und Verantwortung sinnhaft deuten ließen. Für einen preußischen Adligen bedeutete religiöse Lektüre nicht Rückzug, sondern – in einer Welt, die durch Krieg, Politik und Standespflicht geprägt war. Die Bibliothek dokumentiert diesen geistigen Ort der Orientierung mit stiller Autorität.