Bildung in europäischer Weite: Die Bibliothek Christoph Daniel von der Schulenburgs ist nicht nur eine Sammlung militärischer, politischer oder genealogischer Werke – sie ist auch Ausdruck einer europäisch orientierten Bildungsidentität.
Dies wird besonders deutlich an der Vielzahl französischsprachiger Titel, die einen zentralen Bestandteil seines Bücherbestands bilden. Diese Werke stehen nicht nur für eine sprachliche Präferenz, sondern für ein kulturelles Selbstverständnis, das über den deutschen Raum hinausblickt – ganz im Sinne des 18. Jahrhunderts als „europäische Aufklärung“.
Französisch als Sprache der Diplomatie und Bildung
In Schulenburgs Zeit galt Französisch als die lingua franca des Adels, der Diplomatie und der höfischen Bildung. Dies spiegelt sich in zahlreichen Buchtiteln: Werke wie Histoire du gouvernement de Venise (1705), Les intérêts présents des puissances de l’Europe (1733) oder die Lettres du Cardinal d’Ossat dokumentieren Schulenburgs Orientierung an französischsprachiger Staatenliteratur, strategischer Analyse und diplomatischer Rhetorik.
Frankreich als Modell und Gegner
Interessanterweise sind viele dieser Titel französischer Herkunft, richten ihren Blick aber auf andere Mächte – etwa Schweden, England oder Venedig. Das zeigt, dass Schulenburg Frankreich nicht nur als kulturelle Leitnation wahrnahm, sondern auch intellektuell nutzbar machte, um die Geopolitik Europas zu verstehen. Werke wie die Histoire de Guillaume III (1703), die Histoire de Charles XII oder Vaubans De l’attaque et de la défense des places (1742) bieten nicht nur strategisches Wissen, sondern auch ein pan-europäisches Weltbild.
Französische Moralistik und Gesellschaftsbeobachtung
Auch in den galanten, moralphilosophischen und biographischen Bereichen dominiert die französische Sprache: Die Lettres historiques et galantes de deux dames de condition (1718) und Werke wie die Memoires du Baron de Pöllnitz oder die Vies des grands capitaines gehören zu jener Literaturgattung, die das höfische Leben in seiner kulturellen, sozialen und psychologischen Tiefe analysieren – auf Französisch verfasst, für ein europäisches Lesepublikum bestimmt.
Ein europäisch geprägter Büchermensch
Für Christoph Daniel von der Schulenburg war die Lektüre französischer Werke nicht nur modische Praxis, sondern Teil einer transnationalen Bildungsbiographie. Als Gesandter in Warschau, als Offizier in der sardinischen Armee und als Teilnehmer an europaweiten Konflikten (Spanischer Erbfolgekrieg, Rhein, Italien, Ungarn) war er mit verschiedenen Sprachräumen vertraut – und nutzte die französische Sprache als Medium strategischer Reflexion.
Fazit
Die Dominanz der französischen Sprache in Schulenburgs Bibliothek zeigt, wie sehr der brandenburgische Adel des 18. Jahrhunderts in eine internationale Wissens- und Kommunikationswelt eingebunden war. Französische Literatur war nicht Ausdruck von Mode, sondern von europäischem Denken. Schulenburg war Teil einer Generation, für die der Blick über die Grenzen Teil politischer Klugheit und geistiger Weltläufigkeit war – und seine Bibliothek der sichtbare Ausdruck davon.