Schulenburgs Selbstentwurf zwischen Antike, Militär und Diplomatie. Die Bibliothek Christoph Daniel von der Schulenburgs offenbart ein vielschichtiges Bild seiner geistigen Orientierung. Sie lässt erkennen, dass der preußische General und Diplomat nicht nur militärisch agierte, sondern sich bewusst in eine Tradition von Vorbildern stellte – historisch, moralisch und politisch. Seine Lektüre diente dabei weniger der bloßen Information als vielmehr der Selbstvergewisserung: Wer wollte er sein, wessen Erbe trat er an, und welchen Tugenden wollte er verpflichtet sein? Aus der Zusammensetzung seiner Bibliothek lassen sich klare Leitfiguren rekonstruieren.
Der tugendhafte Feldherr: Turenne, Karl XII. und Caesar
Zu den zentralen Vorbildern Schulenburgs gehörten große Feldherren der Geschichte – darunter Henri de la Tour d’Auvergne, Vicomte de Turenne, dessen Biographie in vier Bänden er besaß. Turenne galt im 17. Jahrhundert als Inbegriff des disziplinierten, klugen, aber bescheidenen Generals, der Religion, Loyalität und Strategie miteinander verband. Mit Karl XII. von Schweden besaß Schulenburg zudem das heroische Gegenbild: den kühnen, fast mythischen Kriegsherrn, dessen Lebensweg als dramatische Chronik militärischer Entschlossenheit gelesen wurde. Und mit Julius Caesar war das strategische Ideal der Antike selbst vertreten – sein Werk Commentaires als Klassiker militärischer und politischer Klugheit.
Der gebildete Diplomat: Ossat und Loraine
Als Gesandter orientierte sich Schulenburg an Vorbildern der politischen Rhetorik und Diplomatie. Besonders deutlich wird dies im Besitz der Lettres du Cardinal d’Ossat (1714), die als Musterbeispiel diplomatischer Klugheit und sprachlicher Eleganz galten. Ossat agierte mit Geschick in Religionsfragen, bei Bündnissen und am Hof – alles Themen, mit denen auch Schulenburg konfrontiert war. Ergänzt wird dieses Ideal durch das Testament Politique de Charles de Loraine (1697), das als eine Art „Fürstenspiegel“ fungierte: Es verband Reflexion mit Selbstkritik, Strategie mit Moral, Macht mit Verantwortung – ein Text, in dem Schulenburg die eigenen Erfahrungen in Polen, Ungarn und Italien gespiegelt gesehen haben dürfte.
Die moralische Dimension: Plutarch und protestantische Erinnerung
Neben militärischen und diplomatischen Vorbildern standen antike und christlich-protestantische Tugendlehren im Zentrum seiner Vorbildkultur. Mit den Viten Plutarchs (Bd. 4–6) hielt Schulenburg ein Werk in Händen, das seit der Renaissance als Kanon moralischer Exzellenz galt. Ob Perikles, Cato oder Alexander: Die antiken Biographien lehrten Maß, Tapferkeit, Redlichkeit und politische Weisheit. Parallel dazu bewahrte Schulenburg zahlreiche Leichenpredigten über Verwandte und Standesgenossen auf – nicht nur als private Andenken, sondern als Ausdruck lutherischer Ethik: Gehorsam, Gottesfurcht, Ehre und Pflichterfüllung. Diese Texte rahmten das Leben des Einzelnen in einen überzeitlichen Wertehorizont ein.
Fazit
Christoph Daniel von der Schulenburg wählte seine Lektüre nicht beliebig. Die in seiner Bibliothek versammelten Gestalten – Generäle, Fürsten, Humanisten – dienten ihm als Projektionsflächen eines idealen Selbst: standhaft im Krieg, überlegt in der Diplomatie, gerecht im Urteil, gebildet in der Weltdeutung. Diese Vorbilder bildeten das Fundament seiner Haltung als preußischer General, als sardinischer Gesandter, als protestantischer Adliger – und nicht zuletzt als Repräsentant eines Hauses, dessen Bibliothek noch heute von der intellektuellen Selbstformung des Adels im 18. Jahrhundert zeugt.