Bildung als Standespflicht. Schulenburgs Bibliothek war nicht nur ein Werkzeug seiner militärischen und diplomatischen Laufbahn, sondern auch Ausdruck eines tieferen Bildungsverständnisses. Als Angehöriger des Adels sah er sich verpflichtet, das kulturelle und intellektuelle Erbe Europas zu kennen und zu pflegen. Entsprechend finden sich zahlreiche Werke in seiner Sammlung, die auf Enzyklopädie, Weltgeschichte, Geographie und Staatslehre ausgerichtet sind – zentrale Pfeiler der frühneuzeitlichen Bildungsideale.
Lexika und systematisches Wissen
Besonders umfangreich ist Schulenburgs Besitz des Neuen Conversations-Lexikons von Hermann Wagener, dessen über 20 Bände unter anderem historische, politische und gesellschaftliche Begriffe erläutern – ein Kompendium des zeitgenössischen Wissens, das nicht nur zur Nachschlagehilfe diente, sondern zur systematischen Bildung des politischen Subjekts. Auch das Adelslexikon der preußischen Monarchie von Ledebur ergänzt diesen Bereich, indem es genealogisches Wissen und höfische Selbstverortung mit enzyklopädischer Struktur verbindet.
Universalgeschichte und Geschichtsverständnis
In der Frühaufklärung galt Geschichtswissen als unerlässlich für Urteilsfähigkeit, Staatskunst und Selbsterkenntnis. Werke wie Leopold von Rankes Neun Bücher preußischer Geschichte und Die römischen Päpste sowie Wilhelm Giesebrechts Geschichte der deutschen Kaiserzeit und Wolfgang Menzels Weltgeschichte dokumentieren Schulenburgs Interesse an einer historisch fundierten Orientierung in der Gegenwart. Die Kombination aus Reichsgeschichte, Kirchengeschichte und dynastischer Weltdeutung zeigt ein geschichtliches Denken, das Macht, Ordnung und Legitimität als dynamische Prozesse reflektiert.
Geographie, Ethnographie und Weltkenntnis
Mit Werken wie Hermann Daniel Adalberts Handbuch der Geographie, Gustav Krämers Biographie von Carl Ritter und Johann Georg Sommers Gemälde der physischen Welt verfügt die Sammlung über mehrere geografisch-ethnographische Bände, die ein Verständnis der Welt als Ganzes vermitteln. Sie spiegeln das Bildungsziel des 18. Jahrhunderts, die Erde als vernetztes, kulturell differenziertes und politisch aufgeladenes System zu begreifen. Besonders ambitioniert ist auch Heinrich Barths fünfbändiges Werk Reisen und Entdeckungen in Nord- und Central-Afrika (1849–1855), das zugleich Reisebericht, Völkerkunde und kolonialpolitische Quelle ist – ein Indiz für Schulenburgs Interesse an außereuropäischen Kulturen und dem kolonialen Weltbezug seiner Zeit.
Wissenschaft im populären Gewand
Einige Titel der Sammlung – etwa das Militär-Wochenblatt oder die Mitteilungen aus Justus Perthes’ Geographischer Anstalt – belegen, dass Schulenburg auch aktuelle Entwicklungen und wissenschaftliche Debatten verfolgte. Sie boten nicht nur Fakten, sondern auch kartographisches Material, neue Forschungsergebnisse und statistische Übersichten. Solche Quellen waren Teil der Bildungsrevolution des 18. und 19. Jahrhunderts, die Wissen in systematischer, aber zugänglicher Form verbreiten wollte.
Fazit
Die Bildungsbücher in Schulenburgs Bibliothek zeigen einen universellen Anspruch: Geschichte, Geographie, politische Theorie und soziale Ordnung sollten dem adeligen Leser helfen, die Welt zu deuten – nicht nur zur Selbstbildung, sondern zur besseren Ausübung von Verantwortung. Die Bibliothek war damit auch eine Standesbibliothek, in der sich die Werte von Vernunft, Ordnung, Überblick und Urteilsfähigkeit materialisierten.