Schulenburg Familie in Angern

Das Geschlecht derer von der Schulenburg ist eines der ältesten Adelsgeschlechter Deutschlands, dessen Wurzeln bis ins 13. Jahrhundert zurückreichen.

Galante Weltdeutung und soziale Maskenspiele. Die Bibliothek Christoph Daniel von der Schulenburgs zeugt nicht nur von militärischem und diplomatischem Scharfsinn, sondern auch von einer tiefen Verankerung im kulturellen Selbstverständnis des höfischen Adels. Neben Strategie und Staatskunst fand auch die galante Welt der Briefromane, der rituellen Zeremonien und symbolischen Rollenspiele ihren Platz in den Regalen. Diese Werke belegen eine Form der Weltaneignung, in der soziale Maskerade, moralische Reflexion und kulturelle Codes gleichwertige Bestandteile adliger Identitätsbildung waren.

Galante Briefromane als moralische Seismografen

Mit Werken wie den Lettres historiques et galantes sowie Rousseaus Julie ou la Nouvelle Héloïse (1761) erhielt Schulenburg Zugang zu einer Form literarischer Gesellschaftsanalyse, die über das Anekdotische hinausreichte. In fiktiven Briefwechseln wurden Liebe, Ehre, Pflichtgefühl und Standeskonflikte durchgespielt – ein diskursives Labor, in dem moralische Maßstäbe, höfische Zwänge und persönliche Empfindungen reflektiert wurden. Die Sammlung war weit verbreitet und wurde häufig als Lesestoff für gebildete Damen wie Herren empfohlen. Dass sie Teil von Schulenburgs Sammlung war, zeigt seine Offenheit für moralisch-kulturelle Selbstverortung innerhalb eines sich wandelnden Wertehorizonts.

Der galante Code: Anstand, Haltung und soziale Semiotik

Der Einfluss von Werken wie Antoine de Courtins Le Nouveau Gentilhomme (1713) oder anderer galanter Ratgeberliteratur lag nicht nur in der Vermittlung korrekten Verhaltens, sondern in der Verschriftlichung einer sozialen Choreographie. Diese Bücher machten Tugenden wie Urbanität, Zurückhaltung und Eloquenz zu lesbaren Normen des Adels – zu einem „Kanon der Anmut“, der Schulenburg als diplomatischem Akteur und Repräsentant seines Standes zur Selbstschulung diente.

Symbolische Ordnung im Spiel: Der „Pudel-Orden“ und allegorische Gesellschaft

Mit dem Statuta des Pudel-Ordens (1740) fand auch eine ironisch-maskierte Gesellschaftsform Eingang in Schulenburgs Sammlung. Als allegorische Replik auf reale Orden und höfische Auszeichnungspraktiken verspottete das Werk die ritualisierte Selbsterhöhung des Adels, ohne deren Strukturen zu verlassen. Der spielerische Charakter dieses Textes war Teil einer höfischen Kultur, die zwischen Ernst und Maskerade, Symbol und Satire oszillierte.

Exotik als Spiegel Europas: Mirima, impératrice du Japon

Mit Mirima, impératrice du Japon (1745) fand auch ein Werk Eingang in Schulenburgs Bibliothek, das die Faszination für fremde Kulturen mit höfischer Allegorie verband. Die japanische Kaiserin dient als Projektionsfigur für Themen wie Macht, Tugend und Intrige – eine „exotische Maske“, hinter der sich Reflexionen über europäische Gesellschaft und Herrschaft verbergen. Solche Werke erweiterten den geistigen Horizont über Europa hinaus und boten neue Perspektiven auf bekannte Fragen.

Feminine Tugend und historische Vorbilder: Les Femmes illustres

Die um 1714 publizierten Les Femmes illustres präsentierten Lebensbilder bedeutender Frauen der Geschichte und Mythologie – als Vorbild und Maßstab weiblicher Tugend. Ihre Aufnahme in eine männlich dominierte Bibliothek zeigt, dass Schulenburg auch das Geschlechterverhältnis als Teil höfischer Ordnung reflektierte – sei es zur Orientierung oder zur Konstruktion eigener Herrschaftsbilder.

Spiel und Symbolik: Le Jeu des Reynes Renommées

Das allegorische Kartenspiel Le Jeu des Reynes Renommées vereinte Geschichte, Moral und Gesellschaftskritik in einer ludischen Form. Als kulturelles Artefakt der barocken Hofwelt stand es exemplarisch für eine Kultur, in der Spiel und Ernst, Allegorie und Repräsentation eng verschränkt waren. Solche Werke dienten nicht nur der Unterhaltung, sondern auch der Einübung höfischer Rollenbilder und Denkstile.

Fazit

Die literarisch-kulturellen Werke in Schulenburgs Bibliothek offenbaren ein umfassendes Verständnis von adliger Selbstbildung, das über das Militärische hinausgeht. Sie zeichnen ein Panorama höfischer Weltdeutung, das Rollenbilder, Rituale, Maskenspiele und fremdkulturelle Spiegelungen umfasst. In ihnen zeigt sich Schulenburg nicht nur als Feldherr und Diplomat, sondern auch als Teilnehmer, Beobachter und Gestalter einer aristokratischen Symbol- und Wissenswelt, in der das Buch ebenso ein Werkzeug der Macht war wie das Schwert.

Im 14. Jahrhundert teilte sich in der Altmark die Familie von der Schulenburg in zwei Linien. Dietrich II. (1304–1340) begründete die Schwarze Linie , sein jüngerer Bruder Bernhard I († nach 1340) die Weiße Linie . Beide Linien teilten sich im Laufe der Jahrhunderte weiter auf und werden genealogisch nach „Ästen“, „Zweigen“ und „Häusern“ sortiert.
Fritz I. von der Schulenburg (1350-1415) (Wikipedia ) war der nähere Stammvater aller drei Äste der weißen Linie des Hauses von der Schulenburg. Er hat den Übergang der Mark Brandenburg an die Hohenzollern aktiv miterlebt und zeigte sich dabei als ein selbstbewusster Schloßgesessener seiner Zeit und herausragender Vertreter des gemäßigten Teils des märkischen Adels.
Bernhard von der Schulenburg (1427–1469) wurde im Jahre 1448 mit seinen Brüdern Busso und Matthias durch Lehnbrief Erzbischofs Friedrich von Magdeburg zu rechten männlichen Lehen beliehen.
Busso von der Schulenburg (1415–1474) wurde im Jahre 1448 mit seinen Brüdern Bernhard und Matthias durch Lehnbrief Erzbischofs Friedrich von Magdeburg zu rechten männlichen Lehen beliehen. Er wurde somit der Begründer des älteren Zweigs der Familie von der Schulenburg in Angern.
Matthias I von der Schulenburg (1410–1479) wurde im Jahr 1448 gemeinsam mit seinen Brüdern Busso und Bernhard durch einen Lehnbrief von Erzbischof Friedrich von Magdeburg zu einem rechten männlichen Lehen mit der Herrschaft Angern belehnt und begründete den jüngeren Zweig , der den Burghof in Angern besaß. Er war ein bedeutender kurbrandenburgischer Rat, Landeshauptmann der Altmark , Ritter und Herr auf Beetzendorf sowie Pfandinhaber von Altenhausen .
Bernhard XI. von der Schulenburg († 1500 ) war der Sohn des Stammvaters des jüngeren Zweigs Matthias I. Er war Herr auf Altenhausen , Angern und Beetzendorf .
Matthias III. von der Schulenburg (* 1506, † 1542 ), gefallen in den Türkenkriegen vor Pest ) war der Sohn von Bernhard XI. von der Schulenburg . Er war Herr auf Altenhausen , Angern und Beetzendorf und setzte den jüngeren Zweig der weißen Linie fort.
Die acht Söhne des Matthias III. von der Schulenburg und Margarethe von der Lühe († 1525), die das Erwachsenenalter erreichten, zeigten bis auf den jüngsten eine ausgeprägte Neigung zum Soldatenstand und nahmen an Kriegszügen teil, aus denen drei nicht zurückkehrten. Der älteste Sohn, Jakob II. (*25.03.1515 in Beetzendorf , †1576 in Magdeburg ), ist neben Fritz VIII. der zweite große Söldnerführer , den das Schulenburg'sche Geschlecht in dieser Epoche hervorgebracht hat.
Daniel I. Reichsfreiherr von der Schulenburg (* 3. Juni 1538 in Altenhausen ; † 6. November 1594 in Angern ) lebte in einer Zeit bedeutender politischer und wirtschaftlicher Umbrüche in der Altmark und im Erzstift Magdeburg .
Henning III. von der Schulenburg (*1587, †01.09.1637) übernahm nach dem Tod seines Vaters Daniel I. den Burghof in Angern. Während des Dreißigjährigen Krieges erlebte er die Verwüstungen, als Angern 1631 zwischen die Fronten der kaiserlichen Truppen unter General Tilly und der schwedischen Armee geriet.
Henning Christoph von der Schulenburg (* 1648 oder 1649 auf Angern , † 27.12.1683 in Staßfurt ) war ein kurbrandenburgischer Hauptmann. Als der älteste Sohn von Heinrich XI. von der Schulenburg (geb. 1621, gest. 1691) und Ilse Floria von der Knesebeck (geb. 1629, gest. 1712) erbte er nach dessen Tod die Güter Angern und Falkenberg.
Heinrich XI von der Schulenburg (* 06.09.1621 auf Angern , + 19.05.1691 in Kehnert )– Herr auf Angern, Kehnert mit Cobbel, Schricke und Falkenburg war der jüngere Sohn von Henning III. von der Schulenburg (*1587, †01.09.1637) und Catharina Schenk von Flechtingen. Er studierte an der Universität Helmstedt , einer der führenden Bildungsstätten des 17. Jahrhunderts. Sein Studium legt nahe, dass er sich früh auf Verwaltungs- und Rechtsfragen spezialisierte, um die weitläufigen und durch Kriegswirren belasteten Güter der Familie effizient zu führen.
Alexander Friedrich Christoph ( 05.08.1720 – 19.09.1801 ) ist Sohn des Heinrich Hartwig I. (Oberst auf Angern, Wenddorf und Bülitz). Sein Oheim Christoph Daniel setzte ihm im Testament das Gut Krüssau als ein Majorat aus. Im Kodizill 1763 wurde dies jedoch dahingehend geändert, dass er Angern als Majorat bekommen sollte, wenn er den österreichischen Dienst verließe und von seinem Landesherrn König Friedrich II. wegen dieses Fehlers Verzeihung erhielte.
Christoph Daniel von der Schulenburg , geboren 1679 auf dem Gut Angern in der Altmark und verstorben ebendort im Jahr 1763 , zählt zu den herausragenden Persönlichkeiten des brandenburgisch-preußischen Adels im 18. Jahrhundert. Sein Lebensweg vereint in exemplarischer Weise militärische Laufbahn , diplomatische Missionen und kulturelles Mäzenatentum . Nach seiner frühen militärischen Ausbildung diente Schulenburg zunächst in brandenburgischen Regimentern und trat später in die sardinisch-savoyische Armee ein, wo er bis zum General der Infanterie aufstieg. Seine militärischen Verdienste zeigten sich unter anderem in den Feldzügen in Italien und der erfolgreichen Verteidigung der Festung Pizzighettone . Parallel dazu wurde er als Gesandter des preußischen Hofes entsandt – etwa nach Warschau –, wo er diplomatisches Geschick mit militärischer Expertise verband.
Die Familiengeschichte des Hauses Angern nimmt seinen weiteren Lauf mit den Söhnen Henning Christophs v.d. Schulenburg : Heinrich Hartwig I (* 23.09.1677 auf Angern, nach anderen Quellen Staßfurth; † 17.06.1734 auf Angern) und Christoph Daniel I .
Zu höherem Ruhm in der savoyischen Armee gelangte sein jüngerer Bruder Christoph Daniel I . (geb. 11.2.1679, gest. 22.11.1763 in Angern). Christoph Daniel von der Schulenburg ist Sohn des Henning Christoph, General der Infanterie auf Angern und Krüssau .
Friedrich Christoph Daniel Graf von der Schulenburg (* 10. Februar 1769 auf Angern; † 16. Mai 1821 in Magdeburg) ist Sohn des Alexander Friedrich Christoph Graf von der Schulenburg .
Edo Friedrich Christoph Daniel , geb. 27.04.1816 in Angern, gest. 06.08.1904 in Angern, wurde 1821 dritter Fideikommissherr auf Angern. Edo war einziger Sohn des Magdeburger Regierungspräsidenten Friedrich Graf v.d. Schulenburg aus dessen zweiter Ehe mit der Tochter des Braunschweigischen Landdrosten, Auguste Luise Adolphine von Cramm. Bei seiner Taufe übernahm König Friedrich Wilhelm III . eine Patenstelle.
Friedrich Wilhelm Christoph Daniel Graf von der Schulenburg (* 1843 in Angern; † 1921) war Sohn des Edo Friedrich Christoph Daniel (1816-1904) und der Helene, geb. v. Schöning. Bei seiner Taufe übernahm König Friedrich Wilhelm IV. die Patenstelle.
Sigurd Wilhelm Graf von der Schulenburg (* 1882; † 1956), Sohn des Friedrich Wilhelm Christoph Daniel (1843-1921) war der fünfte und letzte Fideikommissherr auf Angern. Bei seiner Taufe am 5. November 1882 übernahm Kaiser Wilhelm I. eine Patenstelle , wie auch bei seinem Vater, Großvater und Urgroßvater die damals regierenden preußischen Könige Taufpaten gewesen waren.
Kuno Wilhelm Christoph Daniel Graf von der Schulenburg (* 1923 in Magdeburg; † 1987 in Frankfurt am Main) war ein deutscher Jurist und Mitglied der XXI. Generation der Familie von der Schulenburg. Kuno Wilhelm wurde als einziger Sohn von Sigurd-Wilhelm Graf von der Schulenburg geboren.
Alexander Friedrich Christoph Graf von der Schulenburg wurde am 4. August 1968 in Frankfurt am Main geboren. Er ist Sohn von Kuno Wilhelm Christoph Daniel (1923-1987) und Jutta, geb. v. Franocis. Er führt die lange Tradition seiner Familie fort, die seit fast 500 Jahren in Angern verwurzelt ist, und engagiert sich aktiv für die Bewirtschaftung der wieder eingerichteten Forstbetriebs sowie die Rekonstruktion und Erhaltung des Schlosses und des Parks.