Selbstvergewisserung im Spiegel der Herkunft. Die Bibliothek Christoph Daniel von der Schulenburgs war nicht nur militärisches Handwerkszeug oder diplomatisches Nachschlagewerk – sie diente auch der Verankerung im genealogischen und sozialen Raum des Adels.
Mehrere Werke belegen ein ausgeprägtes Interesse an familiären Abstammungslinien, Adelsverzeichnissen, Wappenkunde und der rituellen Erinnerung an Verstorbene. Diese Texte erfüllten im 18. Jahrhundert nicht allein dokumentarische Zwecke, sondern waren Ausdruck einer sozialen Welt, in der Herkunft, Rang und Ehre den innersten Kern der Identität bildeten.
Adelslexika und Geschlechtergeschichte
Besonders prominent ist das dreibändige Adelslexikon der preußischen Monarchie von Leopold von Ledebur. Dieses Werk dokumentiert die Namen, Ämter, Titel und Wappen hunderter Adelsgeschlechter in Preußen – mitsamt genealogischen Linien und Hofzugehörigkeit. Für Schulenburg war es nicht nur ein Nachschlagewerk, sondern ein Spiegel des eigenen Standes und ein Medium der sozialen Orientierung. Es diente der Selbstvergewisserung als Teil des dynastischen Gedächtnisses.
Leichenpredigten: Ritus, Erinnerung, Legitimation
Einen besonderen Platz in der Sammlung nehmen die zahlreichen Leichenpredigten ein – darunter solche für Mitglieder der Familie Schulenburg, für Angehörige des Hauses Alvensleben und anderer benachbarter Adelsfamilien. Diese barocken Drucke verknüpfen biographisches Gedenken mit biblischer Auslegung, genealogischer Information und standesgemäßer Rhetorik. In ihnen erscheinen die Toten nicht nur als Christen, sondern als Träger sozialer Kontinuität und politischer Erinnerung. Für Schulenburg bedeutete ihre Sammlung auch die Pflege der Familiengeschichte – ein Akt der Memoria und der Repräsentation.
Wappen- und Geschlechtskalender
Ergänzt wurde dieses Interesse durch einen Geschlechts- und Wappenkalender (1734), der Adelslinien in visuell-symbolischer Form präsentierte. Wappen waren im 18. Jahrhundert nicht bloß heraldische Ornamente, sondern verdichtete Zeichen von Ehre, Herkunft und Zugehörigkeit. In Schulenburgs Bibliothek diente ein solcher Kalender vermutlich auch der visuellen Bildung, der Standespflege und als Gedächtnisstütze bei dynastischen Allianzen.
Urkunden und Hausgeschichte
Mit dem Urkundenbuch zur Geschichte des Geschlechts von Kröcher besaß Schulenburg ein weiteres Werk, das über die eigene Familie hinaus auf die Verflechtung adliger Häuser in der Region verweist. Die Kröcher waren wie die Schulenburgs ein altes brandenburgisches Geschlecht. Der Besitz solcher Werke bezeugt ein Interesse an interfamiliären Netzwerken sowie an der historischen Legitimation von Grundbesitz, Ämtern und politischen Allianzen.
Funktion im höfisch-adligen Selbstverständnis
Die genealogischen Werke in Schulenburgs Bibliothek waren keine bloßen Bücher – sie waren Träger sozialer Ordnung. Sie boten Orientierung im Labyrinth von Familienverhältnissen, Ehrentiteln, Standesgrenzen und politischer Erbfolge. Gleichzeitig ermöglichten sie eine aktive Selbstinszenierung als Glied einer langen und ehrwürdigen Linie. In einer Zeit, in der soziale Mobilität für den Hochadel begrenzt war, diente der genealogische Blick zurück auch der Festigung der eigenen Zukunft.
Fazit
Die genealogischen und adelskundlichen Titel in Schulenburgs Bibliothek machen deutlich, dass sie nicht nur ein Ort strategischen Denkens, sondern auch ein Archiv der Herkunft und Ehre war. Inmitten von Schlachtenplänen und Staatsverträgen bewahrt sie das Gedächtnis der Familie, die Logik der Abstammung und das kulturelle Kapital einer Schicht, die sich über Generationen hinweg selbst verstand – als Träger von Geschichte, Ordnung und Verantwortung.