Bei den vorliegenden Fragmenten handelt es sich um die Reste eines grün glasierten Kachelofens aus dem Bereich des Schlosses Angern. Die Fragmente wurden in einer Schüttung unter einem Fußboden des 1731 errichteten Barockschlosses aufgefunden. Damit ist gesichert, dass der Ofen vor der Errichtung dieses Schlossbaus entstanden und spätestens beim Neubau als Altmaterial in die Fußbodenschüttung gelangt ist. Der Befund besitzt daher einen sicheren terminus ante quem im Jahr 1731.

Die Fundgruppe besteht überwiegend aus rotbrennender Irdenware mit grüner Bleiglasur. Die erhaltenen Stücke zeigen Reliefdekor, profilierte Leisten, Gesims- und Pilasterfragmente sowie ein großformatiges plastisches Maskaron. Die Glasur ist unregelmäßig hell- bis mittelgrün ausgeprägt und weist stellenweise stärkere Läufer, Abplatzungen und Verwitterungsspuren auf. Die Bruchflächen zeigen einen rötlichen, relativ grob gemagerten Scherben.
Das herausragende Stück der Gruppe ist ein großformatiges Gesichtselement mit einer rekonstruierten Höhe von etwa 30 cm. Erhalten sind die plastisch ausgearbeitete Stirn- und Wangenpartie, zwei dunkel abgesetzte Augen, eine stark hervortretende Nase sowie seitliche spiralige Ornamentformen. Diese seitlichen Formen können als Haar-, Blatt- oder Rollwerkformen verstanden werden. Das Gesicht nimmt nicht nur einen kleinen Teil einer Kartusche ein, sondern bestimmt nahezu die gesamte Komposition. Dadurch unterscheidet sich das Fragment deutlich von gewöhnlichen kleinformatigen Maskaronen auf Renaissancekacheln.
Die Rückseite eines Kopffragments zeigt keinen eindeutig ausgebildeten Kachelkasten. Sie wirkt vielmehr massiv und folgt offenbar der plastischen Vorderseite. Dieser Befund spricht dafür, dass das Gesichtselement nicht ohne Weiteres als gewöhnliche Bildkachel anzusprechen ist. Plausibler erscheint eine Deutung als großplastisches Aufsatz-, Sonder- oder Bekrönungselement eines repräsentativen Kachelofens. Eine endgültige Entscheidung bleibt jedoch von der Untersuchung weiterer rückseitiger Anschlussstücke abhängig.

Die übrigen grün glasierten Fragmente zeigen, dass der Ofen architektonisch gegliedert war. Profilierte Leisten, Gesimse und kannelierte Pilaster verweisen auf einen mehrteiligen Aufbau, wie er für hochwertige Öfen der Renaissance und des frühen Barock charakteristisch ist. Das Maskaron dürfte daher nicht isoliert gestanden haben, sondern in ein System aus Pilastern, Gesimsen und ornamental gegliederten Kachelfeldern eingebunden gewesen sein.
Stilistisch ist der grüne Ofen in die späte Renaissance oder in die frühe Barockzeit einzuordnen. Die plastische Maskenbildung, die spiralförmigen Begleitornamente, die architektonische Gliederung und die grüne Bleiglasur sprechen am ehesten für eine Entstehung im späten 16. oder frühen 17. Jahrhundert. Eine Datierung in die Zeit um 1580 bis 1630 erscheint derzeit besonders plausibel. Eine spätere Entstehung im 17. Jahrhundert kann nicht ausgeschlossen werden, doch wirkt die Formensprache insgesamt noch deutlich renaissancezeitlich.
Für die baugeschichtliche Einordnung ist zu berücksichtigen, dass bis zur Zerstörung von 1631 die mittelalterliche Burg mit Turm bestand. Der nach dem Dreißigjährigen Krieg entstandene Vorgängerbau des Barockschlosses wurde erst später errichtet und 1731 wiederum abgebrochen. Der grün glasierte Ofen kann daher entweder zur letzten Ausstattungsphase der Burg vor 1631 oder zu einem frühen Wohnbau des 17. Jahrhunderts gehört haben. Aufgrund der renaissancezeitlichen Ornamentik erscheint eine Herkunft aus der letzten Nutzungsphase der Burg, möglicherweise aus einem herrschaftlichen Wohnraum wie der Turmstube, besonders naheliegend.
Nach den vorliegenden Fotos erscheint es am wahrscheinlichsten, dass der Kopf nicht separat am Ofen befestigt war, sondern integraler Bestandteil eines größeren keramischen Bauteils war – entweder einer großformatigen Reliefkachel oder eines Bekrönungs- bzw. Giebelelements eines repräsentativen Renaissanceofens. Die massive Rückseite spricht eher gegen ein freistehendes Aufsatzstück und eher für eine Einbindung in eine größere keramische Konstruktion.
Das Angerner Fragment besitzt keine bislang nachweisbare unmittelbare Parallele. Die nächsten Vergleiche finden sich nicht bei gewöhnlichen Bildkacheln, sondern bei den großformatigen Bekrönungs- und Aufsatzelementen repräsentativer Renaissanceöfen des späten 16. und frühen 17. Jahrhunderts. Die Größe des Maskarons, die plastische Ausarbeitung und die massive Rückseite sprechen eher für ein herausgehobenes Ofenschmuckelement als für eine Standardkachel. Vergleichbar sind insbesondere die großformatigen Ofenbekrönungen und Kopfmotive repräsentativer Schlossöfen um 1600.
Die Fundgruppe ist von besonderer Bedeutung, weil sie einen seltenen Einblick in die gehobene Innenausstattung der Anlage vor Errichtung des Barockschlosses gibt. Das großformatige Maskaron belegt einen repräsentativen Anspruch, der über einfache Heiztechnik deutlich hinausgeht. Der Ofen war nicht nur funktionales Ausstattungsstück, sondern Teil einer architektonisch und ikonographisch gestalteten Raumwirkung.
Zusammenfassend handelt es sich bei dem grünen Ofen um einen repräsentativen, architektonisch gegliederten Kachelofen mit großplastischem Maskarondekor. Der Befund ist spätestens vor 1731 entstanden und dürfte stilistisch am ehesten in die Zeit um 1580 bis 1630 gehören. Die wahrscheinlichste Deutung ist derzeit die Herkunft aus einem hochwertigen Wohnraum der letzten Burgphase oder aus einem frühen Nachfolgebau des 17. Jahrhunderts. Die Größe und Ausführung des Maskarons machen das Stück innerhalb der bisher bekannten Ofenfragmente von Angern zu einem herausragenden Einzelbefund.