Im Bereich des tonnengewölbten Erdgeschosses des Palas der Burg Angern lassen sich mehrere Befunde identifizieren, die zusammen auf ein ursprünglich komplexes inneres Erschließungssystem hinweisen. Der verschlossene Zugang in der westlichen Palasmauer (Befund D1) sowie die dahinter erkennbaren, heute verfüllten Hohlräume erlauben eine rekonstruierende Annäherung an die ursprüngliche Zugangssituation vom Innenhof in das Gebäude.
Von besonderer Bedeutung ist dabei die Kombination aus erhaltenem Durchgangsbefund, sekundärer Verschließung, verschütteten Gangbereichen sowie der funktionalen Verbindung zu den tonnengewölbten Wirtschaftsräumen des Palas. Im Zusammenhang mit den übrigen Binnenstrukturen der Hauptburg entsteht das Bild eines differenziert gegliederten Zugangs- und Erschließungssystems, das auf kontrollierte Wegeführung, funktionale Trennung einzelner Raumbereiche und eine gezielte Organisation innerer Bewegungsabläufe ausgerichtet war.
Der Palaseingang ist dabei weniger als isolierter Durchgang denn als Bestandteil eines räumlich gestaffelten Systems kontrollierter Zugänglichkeit zu verstehen. Die Erschließungsstruktur des Erdgeschosses verweist auf eine gezielte Organisation von Bewegung, Versorgung und innerer Raumhierarchie innerhalb der Hauptburg.
Übersicht der Befunde
Befund D1: Palaseingang und Zugangssituation
Der Befund D1 befindet sich in der westlichen Wand des südlichen Gewölberaums des Palas auf der Hauptburginsel. Er stellt einen heute verschlossenen Zugang dar, der ursprünglich eine direkte Verbindung zwischen Innenhof und Erdgeschoss des Gebäudes bildete.
Die Ausbildung als flach segmentbogiger Durchgang innerhalb des Bruchsteinmauerwerks spricht für einen funktional geprägten Zugang ohne repräsentative Ausgestaltung. Die Einbindung des Durchgangs in den Mauerwerksverband sowie seine Lage innerhalb der Raumstruktur sprechen dafür, dass es sich um einen primären Zugang des Erdgeschosses handelte.
Die kontrollierte Wegeführung innerhalb des Erdgeschosses verweist zugleich auf eine räumliche Organisation sozialer Zugänglichkeit, bei der einzelne Funktions- und Herrschaftsbereiche bewusst voneinander getrennt wurden.

Verfüllter Hohlraum hinter dem ehemaligen Zugang.
Binnenstruktur und Raumorganisation
Der erhaltene Grundriss des Erdgeschosses weist eine auffallend asymmetrische Binnenstruktur auf, die eher auf eine funktional entwickelte mittelalterliche Raumorganisation als auf eine spätere planmäßige Überformung verweist. Die Räume erscheinen nicht additiv oder zufällig angeordnet, sondern in ihrer Erschließung und funktionalen Beziehung aufeinander abgestimmt.
Die unterschiedliche Größe und Organisation der Gewölberäume deutet auf eine funktionale Spezialisierung innerhalb des Erdgeschosses hin. Während der größere nördliche Raum aufgrund seiner Fläche und vergleichsweise offenen Struktur vermutlich primär als Lager- und Vorratsraum diente, erscheint der südliche Bereich stärker erschließungsbezogen.
Besondere Bedeutung kommt dabei dem kleineren nördlichen Nebenraum zu, dessen räumliche Abtrennung auf eine gezielte funktionale Differenzierung innerhalb des Erdgeschosses hinweist. Denkbar sind Lager-, Verwaltungs- oder kontrollbezogene Funktionen. Die Lage des Raums nahe am Zugang, zugleich jedoch innerhalb einer gestaffelten Binnenstruktur, spricht für eine kontrollierte Nutzung.
Die differenzierte Binnenstruktur spricht insgesamt gegen die Interpretation des Erdgeschosses als rein passive Kellerzone und verweist vielmehr auf eine aktiv genutzte Wirtschafts- und Erschließungsebene innerhalb des Burgbetriebs.
Hinterfüllung und verschütteter Gangbereich
Hinter der sekundären Ziegelverschließung des Zugangs ist ein heute verfüllter Hohlraum erkennbar. Die Befunde zeigen, dass es sich hierbei nicht um einen erhaltenen Raum, sondern um eine gezielte Verfüllung handelt. Sichtbare Wurzelstrukturen, fehlende Mauerbindung sowie die heterogene Materialstruktur weisen auf eine nachträgliche Einbringung von Erdmaterial hin.
Der erhaltene Gewölbeansatz aus Bruchstein sowie die räumliche Ausrichtung des Hohlraums sprechen dafür, dass hier ursprünglich ein weiterführender Durchgang bestand. Die Breite und bauliche Ausführung übersteigen die Anforderungen eines reinen Versorgungsganges und deuten auf eine bedeutendere Erschließungsfunktion hin.
Die heutigen Befunde sprechen dafür, dass wesentliche Teile der ursprünglichen westlichen Raumstruktur des Palas verloren oder durch spätere Aufschüttungen überdeckt sind. Der verschüttete Bereich besitzt daher erhebliches bauarchäologisches Erkenntnispotenzial.

Gewölbter Durchgang aus Bruchstein hinter sekundärer Ziegelverschließung (KI-Rekonstruktion).
Bauphasen und Überformung
Die heutige Befundsituation ist als Ergebnis mehrerer Bau- und Nutzungsphasen zu verstehen. Der ursprünglich offene Zugang wurde im Zuge späterer Veränderungen außer Nutzung gesetzt, verschlossen und schließlich verfüllt. Diese Maßnahmen stehen wahrscheinlich im Zusammenhang mit Veränderungen des Hofniveaus sowie mit der frühneuzeitlichen und barocken Überformung der Hauptburg.
Für Veränderungen des Hofniveaus liegen archivalische Hinweise vor (vgl. Gutsarchiv Angern, Rep. H Nr. 412; siehe auch Quellenüberblick). Die sekundäre Ziegelmauer stellt dabei eine deutliche bauliche Zäsur dar und dokumentiert die bewusste Aufgabe des ursprünglichen Durchgangs.
Die sekundäre Verschließung verweist zugleich auf einen grundlegenden Wandel der inneren Wegeführung und Nutzung des Palas. Die heutige Befundsituation ist daher weniger als statischer Zustand denn als Ergebnis langfristiger Transformationsprozesse innerhalb der Burganlage zu verstehen.

Vermessener Grundriss der erschlossenen und verschütteten Palas-Räume in der Burg Angern.
Funktionale Interpretation
Die Kombination aus Zugang, dahinterliegendem Hohlraum und nachträglicher Verschließung spricht dafür, dass es sich ursprünglich um einen zentralen Zugang oder Erschließungsgang handelte. Die Ausrichtung des Durchgangs lässt eine gerichtete Bewegungsführung vom Innenhof in das Gebäude erkennen und deutet auf eine gezielte Einbindung in die interne Raumorganisation des Palas hin.
Der Zugang fungierte offenbar nicht als unmittelbarer Eintritt in einen Einzelraum, sondern als mehrstufige Filter- und Kontrollzone innerhalb der inneren Erschließung. Der Befund kann daher als Bestandteil einer gestuften Zugangskette interpretiert werden, die vom Innenhof zunächst in einen vorgelagerten Erschließungsbereich führte.
Eine besondere Rolle spielte dabei der Umkehrgang (vgl. Befund A7), der eine gezielte Umlenkung der Bewegungsrichtung bewirkte. Die geknickte Wegeführung reduzierte nicht allein direkte Sichtachsen, sondern erschwerte zugleich ein unkontrolliertes Eindringen in die inneren Gewölberäume. Die kontrollierte Wegeführung könnte darüber hinaus klimatische Funktionen erfüllt haben, indem Luftströmungen innerhalb der Vorratsräume reduziert wurden.
Die Interpretation stützt sich dabei nicht allein auf erhaltene Bauelemente, sondern wesentlich auch auf das Fehlen alternativer Zugänge und Raumanschlüsse. Insbesondere das Ausbleiben weiterer Zugänge in den angrenzenden Wandabschnitten ist als bedeutender Negativbefund zu werten.
Treppenanlage und vertikale Erschließung
Besondere Bedeutung kommt der Treppenanlage im südlichen Bereich des Palas zu (vgl. Befund C1). Ihre Lage unmittelbar im Bereich der inneren Zugangssituation verweist auf eine enge funktionale Verbindung zwischen horizontaler und vertikaler Erschließung.
Die Treppe bildet offenbar die zentrale Schnittstelle zwischen den wirtschaftlich genutzten Gewölberäumen des Erdgeschosses und den darüberliegenden Wohn- und Repräsentationsbereichen des Palas. Ihre Position spricht dafür, dass Bewegungsabläufe innerhalb des Gebäudes gezielt organisiert und kontrolliert wurden.
Die Erschließung des Obergeschosses erfolgte damit vermutlich nicht unmittelbar vom Innenhof aus, sondern über eine gestufte Zugangssituation innerhalb des Erdgeschosses. Dies ermöglichte eine kontrollierte Trennung zwischen Wirtschafts-, Lager- und Wohnbereichen.
Die Treppenanlage war daher vermutlich nicht allein funktionales Verbindungselement, sondern zugleich Bestandteil einer räumlich organisierten Herrschaftsarchitektur, bei der Zugänglichkeit und Bewegungssteuerung bewusst reguliert wurden. Die Lage der Treppe an der Schnittstelle zwischen Zugang, Binnenerschließung und Obergeschoss unterstreicht ihre zentrale Bedeutung für das Verständnis der ursprünglichen Palasorganisation.
Interpretationsgrenzen
Die funktionale Zuordnung als ursprünglicher Palaseingang erscheint im Kontext der Gesamtanlage plausibel, bleibt jedoch ohne weiterführende bauarchäologische Untersuchungen und eine vollständige Freilegung nicht abschließend nachweisbar.
Im Vergleich mit hoch- und spätmittelalterlichen Palasbauten der Altmark und angrenzender Regionen zeigt sich, dass Erdgeschosse in der Regel aus mehreren funktional differenzierten Einheiten bestanden. Vor diesem Hintergrund erscheint es plausibel, dass der heute verlorene westliche Bereich des Palas ursprünglich Teil einer erweiterten Erschließungs- und Raumstruktur war. Eine eindeutige funktionale Zuordnung bleibt aufgrund der fragmentarischen Befundlage jedoch nicht möglich.
Bewertung
Die Befunde im Bereich des Palaseingangs stellen einen zentralen Baustein für die Rekonstruktion der inneren Erschließung der Burg Angern dar. Die Kombination aus bauzeitlicher Bruchsteinkonstruktion, sekundärer Verschließung und nachgewiesener Verfüllung erlaubt eine differenzierte bauhistorische Interpretation. Besonders hervorzuheben ist die Überlagerung mehrerer Bau- und Nutzungsphasen, die den Übergang von einer offenen mittelalterlichen Erschließungssituation zu einer geschlossenen und überformten Struktur dokumentiert.
Im Zusammenhang mit den übrigen Palasbefunden – insbesondere den Gewölberäumen, der Innentreppe, dem Umkehrgang sowie den Fensterbefunden – gewinnt der Zugang besondere Bedeutung für das Verständnis der ursprünglichen Palasorganisation.
Die Befundsituation verdeutlicht zugleich, dass die heutige Binnenstruktur des Palas lediglich einen reduzierten Ausschnitt der ursprünglichen Raumorganisation erkennen lässt. Eine vollständige archäologische Freilegung könnte wesentliche Erkenntnisse zur ursprünglichen Ausdehnung und Funktion des Durchgangs liefern und besitzt daher erhebliches wissenschaftliches Potenzial.