Das 12. Jahrhundert

Das 12. Jahrhundert stellt die früheste historisch greifbare Epoche Angerns dar. Mit den ersten Erwähnungen der Herren von Angern tritt der Ort erstmals in das Licht der schriftlichen Überlieferung. Zugleich war diese Zeit von tiefgreifenden Veränderungen geprägt: Die Altmark wurde zunehmend erschlossen, neue Herrschaftsstrukturen entstanden und der Landesausbau veränderte die Siedlungslandschaft nachhaltig.

Die Erwähnung Theoderichs von Angern im Jahr 1160 deutet darauf hin, dass sich bereits im Hochmittelalter ein örtlicher Herrschaftssitz entwickelt hatte. Damit beginnt die nachweisbare Geschichte jenes Ortes, aus dem sich später die Burg und Herrschaft Angern entwickelten.

1160

Im Jahr 1160 wird ein Theoderich von Angern erwähnt, der nach späterer Überlieferung mit Albrecht dem Bären in die Altmark gekommen sein soll und in Angern einen befestigten Edelhof besaß. Auch ein Heinrich von Angern erscheint um 1217 in Urkunden des Klosters Hillersleben. Die Nennung dieser Angehörigen des Geschlechts belegt zugleich die Existenz eines Ortes oder Herrschaftssitzes namens Angern bereits im 12. beziehungsweise frühen 13. Jahrhundert.

Die schriftliche Überlieferung zur frühen Geschichte Angerns ist lückenhaft. Vereinzelt wird vermutet, dass das in einem Privileg Kaiser Heinrichs IV. von 1073 genannte „Angern“ mit dem heutigen Ort identisch sein könnte. Ein gesicherter Nachweis für diese Gleichsetzung liegt bislang jedoch nicht vor.

Unabhängig davon sprechen sowohl die Schriftquellen als auch die baulichen Befunde für die Möglichkeit einer älteren Befestigung in Angern. Besonders hervorzuheben ist der Befund H1 – Hypothese eines älteren Wehrkerns auf der Turminsel, der auf eine möglicherweise bereits vor dem Ausbau von 1341 bestehende Befestigungsanlage verweist. Sollte sich diese Interpretation bestätigen, könnte der spätere erzbischöfliche Burgbau auf ältere herrschaftliche Strukturen zurückgegriffen haben.

Die Burg Angern wäre demnach nicht als vollständige Neugründung des Jahres 1341 zu verstehen, sondern als Ergebnis einer mehrphasigen Entwicklung. Die Erwähnungen der Herren von Angern im 12. und frühen 13. Jahrhundert sowie die architektonischen und topographischen Befunde innerhalb der Burganlage legen nahe, dass dem Ausbau zur landesherrlichen Wasserburg eine ältere Adels- oder Wehranlage vorausgegangen sein könnte. Ein endgültiger Nachweis hierfür steht jedoch bislang aus.

1196

Im Jahr 1196 übertrugen die Markgrafen Otto II. und Albrecht II. Teile ihres Besitzes, darunter Rechte in der Altmark, an den Erzbischof Ludolf von Magdeburg. Die Güter wurden den Markgrafen anschließend als Lehen zurückgegeben. Damit entstanden komplexe lehnsrechtliche Verhältnisse, die das Verhältnis zwischen der Markgrafschaft Brandenburg und dem Erzstift Magdeburg über Jahrzehnte prägten.

Im Verlauf des 13. und 14. Jahrhunderts kam es wiederholt zu Auseinandersetzungen um Herrschaftsrechte, Einflusszonen und die Kontrolle strategisch wichtiger Gebiete im Grenzraum zwischen beiden Territorien. Die Altmark bildete dabei einen bedeutenden politischen und wirtschaftlichen Verflechtungsraum, in dem sich die Interessen Brandenburgs und Magdeburgs überschnitten.

Auch die Region um Angern lag innerhalb dieses Spannungsfeldes. Die spätere Errichtung beziehungsweise der Ausbau der Burg Angern durch Erzbischof Otto von Magdeburg im Jahr 1341 kann vor diesem Hintergrund als Teil der magdeburgischen Sicherungs- und Herrschaftspolitik verstanden werden. Die Anlage diente nicht nur der lokalen Verwaltung, sondern zugleich der Festigung erzbischöflicher Machtansprüche in einem politisch umkämpften Grenzraum.

Lehenswesen

Das Lehnswesen bildete einen wesentlichen Bestandteil der politischen und gesellschaftlichen Ordnung des Mittelalters. Herrschaft beruhte vielfach auf persönlichen Treueverhältnissen zwischen Lehnsherren und Vasallen. Als Gegenleistung für militärische, administrative oder politische Dienste wurden Nutzungs- und Herrschaftsrechte übertragen, die häufig mit Grundbesitz, Einkünften oder bestimmten Privilegien verbunden waren.

Diese vielschichtigen Bindungen prägten auch die Herrschaftsverhältnisse in der Altmark. Adelige Grundherren, geistliche Institutionen und Landesherren verfügten über umfangreiche Rechte an Land, Dörfern, Mühlen, Fischereien und anderen wirtschaftlich bedeutsamen Einrichtungen. Burgen dienten dabei als Zentren der Verwaltung und Kontrolle dieser Besitzungen.

Neben den lehnsrechtlichen Verpflichtungen waren die bäuerlichen Bewohner vielfach zu Abgaben und Dienstleistungen verpflichtet. Dazu gehörten Natural- und Geldabgaben sowie regionale Formen von Frondiensten. Darüber hinaus unterlag ein großer Teil der landwirtschaftlichen Erträge dem Zehnten, der als kirchliche Abgabe erhoben wurde und eine wichtige wirtschaftliche Grundlage der Pfarrkirchen und Klöster bildete.

1200

Viele der im Hochmittelalter bestehenden Dörfer der Region wurden im Laufe der Jahrhunderte aufgegeben und sind heute nur noch als Wüstungen bekannt. Zu diesen aufgegebenen Siedlungen gehört auch das Dorf Palnitz nordöstlich von Angern. Die Erinnerung an den Ort hat sich bis heute im Namen des Pallitzer beziehungsweise Palnitzer Holzes erhalten.

Um das Jahr 1200 wird Palnitz als Besitz des Klosters Ammensleben genannt. Das Dorf verfügte über neun Hufen Land und eine eigene Kirche, was auf eine dauerhaft etablierte und wirtschaftlich tragfähige Siedlung schließen lässt. Die Zugehörigkeit zum Kloster verdeutlicht zugleich die enge Verflechtung kirchlicher Grundherrschaft mit der mittelalterlichen Siedlungslandschaft der Region.

Nach Flurnamen, Lage und historischen Überlieferungen wird angenommen, dass Palnitz ursprünglich auf eine slawische beziehungsweise wendische Siedlung zurückgeht. Der Zeitpunkt der Aufgabe des Dorfes ist nicht bekannt. Spätestens im Jahr 1562 wird Palnitz jedoch ausdrücklich als wüst bezeichnet und war damit bereits verlassen. Die Wüstung steht exemplarisch für die Veränderungen der mittelalterlichen Siedlungsstruktur, bei denen zahlreiche kleinere Orte aufgegeben wurden, während sich andere Dörfer dauerhaft behaupten konnten.

Die Geschichte Angerns reicht von den ersten nachweisbaren Siedlungen bis in die Gegenwart. Die folgenden Kapitel geben einen chronologischen Überblick über die Entwicklung von Dorf, Burg, Schloss, Park und Familie von der Schulenburg.